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Märchen im Seniorenheim – es darf auch traurig sein!

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Zum vierten und letzten Mal für dieses Jahr habe ich mein Seniorenwohnheim in Stuhr besucht. Seit Jahren schon erzähle ich dort regelmäßig Märchen und versüße die Darbietungen mit meiner Harfenmusik. Durch die Regelmäßigkeit meiner Besuche habe ich dort schon eine liebe Fangemeinde gewonnen und ich selbst habe alle ins Herz geschlossen. Jeder Besuch, jedes Wiedersehen ist eine Freude und jeder Abschied, trotz aller Freude über den schönen Nachmittag, mit Trauer umweht. Ich hoffe immer sehr, dass wir uns alle beim nächsten Mal wieder sehen.

Immer wieder sind neue ZuhörerInnen dabei, angesteckt von der Freude der „alten Hasen“ sind sie ganz gespannt auf das Kommende. Ich gebe mein bestes alle zu erfreuen. Hier habe ich immer die Chance neue Erzählungen auszuprobieren, denn mein treues Publikum kennst schon viele meiner Märchen. Zwischen altgeliebten darf auch immer ein neues Märchen sein.

Heute waren es zwei neue Märchen aus der Feder von Richard von Volkmann-Leander: „Der rostige Ritter“ und „Der Wunschring“. Das Märchen vom Ritter ist sehr intensiv und ich erkenne, wie meine Zuhörerinnen und ein Zuhörer bei den schweren Passagen innig lauschen und schon mal feuchte Augen bekommen, aber alle zusammen atmen wir erleichtert auf, als der Ritter von seiner Liebsten erlöst wird. Ganz leicht und trotzdem hochaktuell dann das Märchen vom Wunschring.

Kurz zum Inhalt: Ein Bauer erhält einen Ring mit einem Wunsch. Ohne sein Wissen wird der Ring vertauscht und der neue Besitzer wünscht sich hunderttausend Goldtaler und kommt in der Flut des Goldes ums Leben. Der Bauer aber spart sich den Wunsch auf. Alles, was er und seine Frau sich wünschen wollen, erhalten sie durch harte Arbeit. Sie wollen den Wunsch aufsparen, denn „das Beste falle einem zum Schluss ein“, so der Bauer. Seine Frau wundert sich, da er früher immer nur unzufrieden war und ständig geklagt hätte. Jetzt plage und schinde er sich und sei mit allem zufrieden, obwohl er doch durch den Wunsch Kaiser oder König werden könne. Am Ende wird nie ein Wunsch ausgesprochen und beide leben ein zufriedenes Leben und „Gott in seiner Gnade ließ beide in der gleichen Nacht selig sterben“. Am Ende heißt es so schön: Denn es ist eine eigene Sache mit dem, was richtig und was falsch ist; und schlecht Ding in guter Hand ist immer noch viel mehr wert als gut Ding in schlechter.“

Eine Zuhörerin wünscht sich am Ende ganz ergriffen auch einen Wunschring und ich überlegte, welchen von beiden wohl der passende wäre.

In meinen Erzählungen ist auch Platz für die traurigen und tragischen Momente, dann wenn keine Hoffnung mehr scheint, wenn die Tränen bitter werden. Aber wie sonst können die schönen Momente am Ende der Geschichten an Glanz und Kraft gewinnen, wenn wir als Zuhörer und Erzählerin nicht gemeinsam durch das Tal der Tränen geschritten wären.

Ich wähle die Märchen mit Sorgfalt für mein Publikum aus. Neben den leichten und humorvollen Geschichten darf auch Platz für anderes sein, denn wir können diese schweren Anteile unseres Lebens nicht für immer verdrängen. Gerade im Alter holen sie uns wieder ein. Dann ist es Zeit sie liebevoll in den Arm zu nehmen und zu erkennen, auch die Traurigkeit, die Bitterkeit und die Verzweiflung sind Teil unserer selbst. Sie verleihen der Schönheit des Lebens ihren Glanz.

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Brigitta

Brigitta Wortmann, seit 1998 als Märchenerzählerin unterwegs und seit 2008 von der Harfe begleitet. Seit 1998 gebe ich Workshops zum Zaubern, später kamen noch Workshops für Hörspiele und Trickfilme hinzu. Passend zu meinem Masterstudium (gepl. Master 2018) zur Medienpädagogin entstehen viele Projekte, die Märchen und Medien verbinden.
Infos und Buchung unter www.die-maerchentruhe.de

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